Ovid: Metamorphosen 750-779

Ovid, Buch I: Metamorphosen 750-779 (Deutsche Übersetzung) – Phaeton (I)

Lateinischer TextÜbersetzung
(750) fuit huic animis aequalis et annis

Sole satus Phaethon, quem quondam magna loquentem

nec sibi cedentem Phoeboque parente superbum

non tulit Inachides ‘matri’ que ait ‘omnia demens

credis et es tumidus genitoris imagine falsi.’

erubuit Phaethon iramque pudore repressit

et tulit ad Clymenen Epaphi convicia matrem

‘quo’ que ‘magis doleas, genetrix’ ait, ‘ille ego liber,

ille ferox tacui!

(750) An Hochmut und Jahren gleich war ihm Phaeton, der Sohn des Sol;

Als er einmal prahlerische Reden führte und ihm nicht den Vorrang lassen wollte, ertrug der Enkel des Inachus (Epaphus) den auf seinen Vater Phoebus (Phoebus hier: nicht Beiname Apollos, sondern Beiname des Sonnengottes Helios (Sol)) Stolzen nicht länger und sprach: Du bist verrückt, deiner Mutter alles zu glauben und blähst dich auf, weil du dir einen falschen Vater einbildest.

Phaeton wurde rot und unterdrückte aus Scham seinen Zorn, trug die Schmähungen des Epaphus seiner Mutter Klymene vor und sprach:

Was dir noch mehr Schmerz bereiten wird, Mutter – ich, der ich so offen bin; ich, der ich so heißblutig bin, habe den Mund gehalten.

(758) pudet haec opprobria nobis

et dici potuisse et non potuisse refelli.

at tu, si modo sum caelesti stirpe creatus,

ede notam tanti generis meque adsere caelo!’

(758) Diese Vorwürfe uns gegenüber beschämen mich – auch, dass sie geäußert und nicht widerlegt werden konnten;

du aber, Mutter, wenn ich wirklich von himmlischer Abstammung bin: liefere mir den Beweis

so hohen Adels und verleihe mir den Rang eines Himmlischen.

(762) dixit et inplicuit materno bracchia collo

perque suum Meropisque caput taedasque sororum

traderet oravit veri sibi signa parentis.

ambiguum Clymene precibus Phaethontis an ira

mota magis dicti sibi criminis utraque caelo

bracchia porrexit spectansque ad lumina solis

‘per iubar hoc’ inquit ‘radiis insigne coruscis,

nate, tibi iuro, quod nos auditque videtque,

hoc te, quem spectas, hoc te, qui temperat orbem,

Sole satum; si ficta loquor, neget ipse videndum

se mihi, sitque oculis lux ista novissima nostris!

(762) Sprach’s und schlang die Arme um den Hals der Mutter und bat bei seinem wie bei des Merops‘ (Gemahl der Klymene, Stiefvater des Phaeton) Haupt sowie bei den Hochzeitsfackeln seiner Schwester, daß sie ihm ein Zeichen seines wirklichen Vaters geben möge.

Es ist ungewiß: Ob wegen der Bitten Phaetons oder mehr aus Zorn über die vorwurfsvolle Äußerung ihr gegenüber bewegt – jedenfalls streckte Klymene beide Arme zum Himmel empor und sprach, indem sie zum Licht der Sonne blickte:
Ich schwöre dir, Kind, bei diesem Stern, der geschmückt ist mit funkelnden Strahlen, der uns hört und sieht, daß Du von diesem Sonnengott, den du siehst und der die Welt im Zaum hält, gezeugt bist.

Wenn ich Erdichtetes rede, möge er selbst mir seinen Anblick verweigern und dieses Licht sei für unsere Augen das letzte.

(773) nec longus labor est patrios tibi nosse penates.

unde oritur, domus est terrae contermina nostrae:

si modo fert animus, gradere et scitabere ab ipso!’

emicat extemplo laetus post talia matris

dicta suae Phaethon et concipit aethera mente

Aethiopasque suos positosque sub ignibus Indos

sidereis transit patriosque adit inpiger ortus.

(773) Es ist für dich auch keine große Anstrengung, das Haus deines Vaters kennenzulernen:

Das Haus, aus dem er aufgeht, ist unserem Land benachbart;

wenn dir nur der Sinn danach steht, geh und frag ihn selbst.

Auf diese Worte seiner Mutter hin stürmt Phaeton sofort freudig hinaus und strebt in Gedanken nach dem Himmel, durchwandert sein Äthiopien und Arabien (Indus kann auch Araber bedeuten, was wegen der erwähnten Nachbarschaft wohl gemeint ist), das unter den Feuern der Sonne liegt und betritt mutig den Aufgang zum Vater.

 

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