Ovid: Metamorphosen 313-415

Ovid, Buch I: Metamorphosen 313-415 (Deutsche Übersetzung) – Deucalion und Pyrrha

Lateinischer TextÜbersetzung
(313) Separat Aonios Oetaeis Phocis ab arvis,

terra ferax, dum terra fuit, sed tempore in illo pars maris et latus subitarum campus aquarum.

Mons ibi verticibus petit arduus astra duobus, nomine Parnasos, superantque cacumina nubes.

Hic ubi Deucalion (nam cetera texerat aequor) cum consorte tori parva rate vectus adhaesit, Corycidas nymphas et numina montis adorant fatidicamque Themin, quae tunc oracla tenebat:

(313) Phocis trennt die Aonier von den ötäischen Feldern (Phocis ist eine Landschaft zwischen Böotien und dem Gebirge Oeta, Aonien: Teil Böotiens).

Solange es noch festes Land war, war es ein fruchtbares Land; in jener Zeit aber war es Teil des Meeres und eine weite Fläche unerwarteten Wassers.

Dort ragt ein hoher Berg mit zwei Gipfeln bis zu den Sternen empor, er heißt Parnaß, seine Spitzen sind höher als die Wolken.

Sobald Deucalion hier – denn alles andere war von Wasser bedeckt – mit seiner Bettgenossin angelandet ist, nachdem er sich auf einem kleinen Floß hatte treiben lassen,

beten sie zu den corycischen Nymphen und den Gottheiten des Berges und zu Themis, die das Schicksal verkündet und die damals die Orakelstätten innehatte.

(322) Non illo melior quisquam nec amantior aequi vir fuit aut illa metuentior ulla deorum.

Iuppiter ut liquidis stagnare paludibus orbem et superesse virum de tot modo milibus unum, et superesse vidit de tot modo milibus unam, innocuos ambo, cultores numinis ambo, nubila disiecit nimbisque aquilone remotis et caelo terras ostendit et aethera terris.

(322) Es gab keinen Mann, der besser als jener war oder der das Recht mehr liebte, und keine Frau, die gottesfürchtiger war als sie.

Jupiter sieht, dass die Welt von klaren Gewässern überschwemmt und dass von so vielen tausend Männern nur einer und von so vielen tausend Frauen nur eine übriggeblieben ist, beide unbescholten, beide gottesfürchtig;  er zerstreut die Wolken und zeigt dem Himmel die Erde und der Erde den Himmel, nachdem die Regenwolken vom Nordwind weggeweht worden sind.

(330) Nec maris ira manet, positoque tricuspide telo mulcet aquas rector pelagi supraque profundum exstantem atque umeros innato murice tectum caeruleum Tritona vocat conchaeque sonanti inspirare iubet fluctusque et flumina signo iam revocare dato:

cava bucina sumitur illi, tortilis in latum quae turbine crescit ab imo, bucina, quae medio concepit ubi aera ponto, litora voce replet sub utroque iacentia Phoebo;

(330) Auch der Zorn des Meeres dauert nicht an: Nachdem der Beherrscher des Meeres den Dreizack beiseitegelegt hat, besänftigt er die Wassermassen und ruft den wasserblauen Triton, der sich über die Tiefe erhebt und an den Schultern (umeros=accusativus graecus) bedeckt ist mit der (dort) gewachsenen Purpurschnecke. Er befiehlt ihm, in die tönende Muschel hineinzublasen und – nachdem das Signal erst gegeben worden ist – die Fluten und die Flussgötter zurückzurufen.

Er nimmt sich das gebogene Tritonshorn, das gewunden aus dem innersten Wirbel heraus in die Breite wächst.

Sobald das Tritonshorn mitten auf dem Meer Luft aufgenommen hat, erfüllt es mit seiner Stimme die Küsten, die zu beiden Seiten unter Phoebus (dem Sonnengott) liegen.

(339) Tum quoque, ut ora dei madida rorantia barba contigit et cecinit iussos inflata receptus, omnibus audita est telluris et aequoris undis, et quibus est undis audita, coercuit omnes.(339) Auch damals (war es so): Sowie es den feuchten Mund des Gottes mit dem tropfenden Bart berührte und angeblasen die Stimme zum befohlenen Rückzug ertönen ließ, wurde es von allen Wassern zu Lande und auf dem Meer, gehört. So bändigte es alle Wogen, von denen es vernommen wurde.
(343) Iam mare litus habet, plenos capit alveus amnes, flumina subsidunt collesque exire videntur;

surgit humus, crescunt sola decrescentibus undis, postque diem longam nudata cacumina silvae ostendunt limumque tenent in fronde relictum

(343) Schon hat das Meer (wieder) eine Küste, das Flussbett nimmt die angeschwollenen Wildbäche auf, die Fluten gehen zurück und man sieht, wie die Hügel auftauchen.

Der Erdboden hebt sich, feste Stellen werden mehr, während die Wassermassen abfließen, und nach langer Zeit zeigen die Wälder ihre entblößten Wipfel und haben noch einen Rest von Schlamm im Laub.

 

(348) Redditus orbis erat; quem postquam vidit inanem et desolatas agere alta silentia terras, Deucalion lacrimis ita Pyrrham adfatur obortis:

‘o soror, o coniunx, o femina sola superstes, quam commune mihi genus et patruelis origo, deinde torus iunxit, nunc ipsa pericula iungunt, terrarum, quascumque vident occasus et ortus, nos duo turba sumus; possedit cetera pontus.

(348) Das feste Land war zurückgegeben worden.

Als Deucalion sah, daß es leer ist und die Gegend in tiefem Schweigen liegt, spricht er Pyrrha unter Tränen folgendermaßen an:

O Schwester, o Geliebte, o Frau, die du als einzige übrig bist, die dich zunächst eine gemeinsame Abstammung und die Herkunft vom Bruder des Vaters (Pyrrha ist die Tochter des Epimetheus), dann das Ehebett mit mir verbunden hat und die uns nun sogar Gefahren verbinden: wir beide sind das (gesamte) Volk aller Länder, welche der Westen und der Osten schauen; das Übrige hat das Meer in Besitz genommen.

(356) haec quoque adhuc vitae non est fiducia nostrae certa satis; terrent etiamnum nubila mentem.

Quis tibi, si sine me fatis erepta fuisses, nunc animus, miseranda, foret? quo sola timorem ferre modo posses? quo consolante doleres!

Namque ego (crede mihi), si te quoque pontus haberet, te sequerer, coniunx, et me quoque pontus haberet.

(356) Auch dies bietet bisher keine genügende Sicherheit für unser Leben; denn auch jetzt versetzen die Wolken den Geist in Schrecken.

Was wäre jetzt dein Gemütszustand, du Bedauernswerte, wärest Du ohne mich dem Tode entrissen worden? Wie könntest Du allein die Furcht ertragen? Wer würde dich trösten, wenn du betrübt bist?

Denn glaube mir, Geliebte: wenn das Meer auch dich verschlungen hätte, wäre ich dir gefolgt; und (so) hätte das Meer auch mich verschlungen.

(363) o utinam possim populos reparare paternis artibus atque animas formatae infundere terrae!

Nunc genus in nobis restat mortale duobus. Sic visum superis: hominumque exempla manemus.’

(363) O könnte ich doch mit den väterlichen Künsten (Deucalion war der Sohn des Gottes Prometheus) die Völker neu erschaffen und der geformten Erde Leben einflößen!

Nun bleibt das sterbliche Geschlecht in uns beiden am Leben und wir bleiben – so beliebt es den Göttern – als Abbilder der Menschen übrig.

(367) dixerat, et flebant: placuit caeleste precari numen et auxilium per sacras quaerere sortes.

Nulla mora est: adeunt pariter Cephesidas undas, ut nondum liquidas, sic iam vada nota secantes.

Inde ubi libatos inroravere liquores vestibus et capiti, flectunt vestigia sanctae ad delubra deae, quorum fastigia turpi pallebant musco stabantque sine ignibus arae.

(367) Er hatte gesprochen, sie weinten. Man beschloß, zur himmlischen Gottheit zu beten und Hilfe beim heiligen Orakel zu suchen.

Es gibt kein Zögern:  Gemeinsam gehen sie zu den Wassern des Cephisus (Fluß in Böotien). Wenn sie auch noch nicht ungetrübt sind, so bahnen sie sich ihren Weg doch schon wieder durch das bekannte Flußbett.

Von dort lenken sie – nachdem sie Wasser geschöpft und auf ihre Kleidung und ihre Köpfe gesprengt hatten – ihre Schritte zu den Tempeln der heiligen Göttin, deren Giebel gelblich waren von häßlichem Moos und deren Altäre ohne Feuer dastanden.

(375) ut templi tetigere gradus, procumbit uterque pronus humi gelidoque pavens dedit oscula saxo atque ita

‘si precibus’ dixerunt ‘numina iustis victa remollescunt, si flectitur ira deorum, dic, Themi, qua generis damnum reparabile nostri arte sit, et mersis fer opem, mitissima, rebus!’

Mota dea est sortemque dedit:

‘discedite templo et velate caput cinctasque resolvite vestes ossaque post tergum magnae iactate parentis!’

(375) Sowie sie die Stufen des Tempels berührten, wirft sich jeder der beiden vornübergeneigt zu Boden, küßte schaudernd den kalten Stein, und sie sprachen folgendermaßen:
Wenn sich Götter, umgestimmt durch gerechte Bitten, erweichen lassen, wenn sich der Zorn der Götter wendet, so sprich, Themis (Göttin der Gerechtigkeit und Weissagung, Vorgängerin Apollos am Orakel zu Delphi), durch welche Kunst der Verlust unseres Geschlechtes ersetzt werden kann; und bringe, Allergnädigste, Hilfe für die untergegangene Welt.

Die Göttin ließ sich bewegen und verkündigte folgenden Orakelspruch:

Geht weg vom Tempel, verhüllt euer Haupt, löst die Gürtel eurer Gewänder und werft die Knochen der Großen Mutter hinter euren Rücken.

(384) Obstupuere diu: rumpitque silentia voce Pyrrha prior iussisque deae parere recusat,

detque sibi veniam pavido rogat ore pavetque laedere iactatis maternas ossibus umbras.

Interea repetunt caecis obscura latebris verba datae sortis secum inter seque volutant.

(384) Lange standen sie wie erstarrt. Als erste durchbricht Pyrrha mit ihrer Stimme das Schweigen und sie weigert sich, den Befehlen der Göttin zu gehorchen.

Sie möge ihr vergeben, fleht sie mit furchtsamer Stimme und scheut sich, die Schattengeister der Mutter zu beleidigen, indem mit Knochen geworfen wird.

Unterdessen wiederholen sie für sich die dunklen Worte des mit verborgenem Hintersinn erteilten Orakelspruchs und wenden sie unter sich hin und her.

(390) Inde Promethides placidis Epimethida dictis mulcet et ‘aut fallax’ ait ‘est sollertia nobis, aut (pia sunt nullumque nefas oracula suadent!)

magna parens terra est: lapides in corpore terrae ossa reor dici; iacere hos post terga iubemur.’

Coniugis augurio quamquam Titania mota est, spes tamen in dubio est: adeo caelestibus ambo diffidunt monitis; sed quid temptare nocebit?

(390) Hierauf besänftigt der Sohn des Prometheus die Tochter des Epimetheus mit ruhigen Worten und spricht: Entweder haben wir es hier mit einem raffinierten Trick zu tun oder das Orakel ist gütig und rät zu keinem Frevel.

Die Große Mutter ist die Erde: ich denke, dass die Steine in ihrem Inneren Knochen genannt werden können; uns wird aufgetragen, diese hinter unseren Rücken zu werfen.

Obwohl die Titanentochter von der Weissagekunst ihres Geliebten beeindruckt ist, ist ihre Hoffnung doch schwankend: Zu sehr mißtrauen beide den göttlichen Weissagungen.

Aber was wird es schaden, es zu probieren?

(398) descendunt: velantque caput tunicasque recingunt et iussos lapides sua post vestigia mittunt.

Saxa (quis hoc credat, nisi sit pro teste vetustas?) ponere duritiem coepere suumque rigorem mollirique mora mollitaque ducere formam.

Mox ubi creverunt naturaque mitior illis contigit, ut quaedam, sic non manifesta videri forma potest hominis, sed uti de marmore coepta non exacta satis rudibusque simillima signis,

(398) Sie gehen und bedecken ihren Kopf und binden sich die Untergewänder auf und werfen dem Befehl entsprechend Steine hinter ihre Fußspuren.

Die Steine – wer sollte dies glauben, würde nicht das Alter (der Erzählung) für einen Zeugen gelten –

begannen, ihre Härte abzulegen und ihre Starrheit weich werden zu lassen und das Erweichte in eine Form zu bringen.

Sobald sie heranwuchsen und ihnen eine mildere Natur zuteil wurde, ließ sich etwas erkennen, nicht wie die deutliche Gestalt eines Menschen, sondern wie etwas, das aus Marmor begonnen, aber noch nicht fertig ausgearbeitet ist und roh behauenen Statuen am ähnlichsten war.

(407) quae tamen ex illis aliquo pars umida suco et terrena fuit, versa est in corporis usum;

Quod solidum est flectique nequit, mutatur in ossa, quae modo vena fuit, sub eodem nomine mansit,

inque brevi spatio superorum numine saxa missa viri manibus faciem traxere virorum et de femineo reparata est femina iactu.

Inde genus durum sumus experiensque laborum et documenta damus qua simus origine nati.

(407) Was freilich von ihnen der feuchte und erdige Teil in irgendeiner Schlammbrühe war, wurde in etwas für den Leib Nützliches verwandelt.

Was fest ist und nicht gebeugt werden kann, verwandelt sich in Knochen;
was zuvor Ader war, blieb es auch unter demselben Namen (vena).

Innerhalb kurzer Zeit nahmen die Steine, die nach dem Spruch der Götter von den Händen des Mannes geworfen worden waren, ein männliches Antlitz an, und das aus dem weiblichen Wurf entstand neu als Frau.

Daher sind wir ein hartes Geschlecht, an Entbehrungen gewöhnt, und wir legen Zeugnis davon ab, aus welchem Stamm wir geboren sind.

 

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