Ovid: Metamorphosen III: 155-191

Ovid, Buch III: Metamorphosen 155-191 (Deutsche Übersetzung) – Actaeon (2)

Lateinischer TextÜbersetzung
(155) Vallis erat piceis et acuta densa cupressu,

nomine Gargaphie succinctae sacra Dianae,

cuius in extremo est antrum nemorale recessu

arte laboratum nulla: simulaverat artem

ingenio natura suo; nam pumice vivo

et levibus tofis nativum duxerat arcum;

(155) Da war ein Tal, dicht bewachsen mit Kiefern und der spitzen Zypresse; es hieß Gargaphie und war der gegürteten Diana geweiht. In seinem tiefsten Innersten liegt in einem Waldversteck eine Grotte, durch keine Handwerkskunst errichtet: die Natur hatte durch ihre Begabung ein Kunstwerk vorgetäuscht; denn aus unbearbeitetem Bimsstein und leichten Tuffsteinen hatte sie ein natürliches Gewölbe geschaffen.
(161) fons sonat a dextra tenui perlucidus unda,

margine gramineo patulos incinctus hiatus.

hic dea silvarum venatu fessa solebat

virgineos artus liquido perfundere rore.

quo postquam subiit, nympharum tradidit uni

armigerae iaculum pharetramque arcusque retentos,

altera depositae subiecit bracchia pallae,

vincla duae pedibus demunt; nam doctior illis

Ismenis Crocale sparsos per colla capillos

colligit in nodum, quamvis erat ipsa solutis.

(161) Von rechts tönt ein durchsichtiger Quell aus klarem Wasser, an den breiten Spalten vom grasbewachsenen Ufer umgeben:

Hier pflegte die Göttin der Wälder, müde von der Jagd, die jungfräulichen Glieder mit fließendem Wasser zu benetzen.

Nachdem sie dorthin emporgestiegen war, übergab sie einer der Nymphen, der Waffenträgerin, den Speer und den Köcher sowie die entspannten Bogen; eine andere legte die Arme unter das abgelegte Tuch; zwei streifen die Sandalen von den Füßen.

Crocale, die Tochter des Flußgottes Ismenus, bindet die lose auf dem Kragen liegenden Haare zu einem Knoten – ist sie doch geschickter als jene – obwohl sie ihr eigenes Haar offen trug.

(171) excipiunt laticem Nepheleque Hyaleque Rhanisque

et Psecas et Phiale funduntque capacibus urnis.

dumque ibi perluitur solita Titania lympha,

ecce nepos Cadmi dilata parte laborum

per nemus ignotum non certis passibus errans

pervenit in lucum: sic illum fata ferebant.

(171) Nephele, Hyale, Ranis, Psecas und Phyale schöpfen das Wasser und gießen es aus großen Krügen.

Derweil Titania dort im gewohnten Gewässer ein Bad nimmt, kommt der Enkel des Cadmus, der einen Teil seiner Aufgaben aufgeschoben hat, unsicheren Schrittes durch den Wald irrend, zu dem Hain. So führte ihn das Verhängnis.

(177) qui simul intravit rorantia fontibus antra,

sicut erant, nudae viso sua pectora nymphae

percussere viro subitisque ululatibus omne

inplevere nemus circumfusaeque Dianam

corporibus texere suis; tamen altior illis

ipsa dea est colloque tenus supereminet omnis.

(177) Wie der die von den Quellen bewässerte Höhle betrat, schlugen die Nymphen, als sie den Mann gesehen hatten, nackt, wie sie waren, auf ihre Brüste und verdeckten Diana, um die sie sich geschart hatten, mit ihren Körpern; die Göttin selbst jedoch, größer als jene, überragt alle vom Hals an.
(183) qui color infectis adversi solis ab ictu

nubibus esse solet aut purpureae Aurorae,

is fuit in vultu visae sine veste Dianae.

quae, quamquam comitum turba est stipata suarum,

in latus obliquum tamen adstitit oraque retro

flexit et, ut vellet promptas habuisse sagittas,

quas habuit sic hausit aquas vultumque virilem

perfudit spargensque comas ultricibus undis

addidit haec cladis praenuntia verba futurae:

(183) Die Farbe, die für gewöhnlich Wolken haben, wenn sie von Strahlen sengender Sonne getroffen werden oder die die Farbe der purpurnen Morgenröte ist – diese Farbe war im Antlitz Dianas, weil man sie ohne Kleidung gesehen hatte.

Obwohl sie dicht umdrängt war von der Schar ihrer Gefährtinnen, stellte sie sich schräg zur Seite aufrecht hin und wandte ihr Gesicht nach hinten. Wenn sie auch gern Pfeile zur Hand gehabt hätte, schöpfte sie das Wasser, das ihr zur Verfügung stand und schüttete es ins männliche Gesicht, und indem sie dessen Haare mit dem rächenden Naß besprengte, fügte sie jene unheilverkündenden Worte hinzu:

Fehler melden

Ovid: Metamorphosen III: 155-191
Nach oben scrollen